Sicherheitswesten (Sturzwesten) im Reitsport
Gedanken und Informationen
verfasst von Manfred Grebler
"Airbag"-Westen
Alternative oder Ergänzung?
Schon vor längerer Zeit kam die erste Sicherheitsweste für Reiter nach dem "Airbag-Prinzip" auf den Markt. Die Idee ist ebenso einfach wie bestechend: Im Normalzustand eher an eine normale Reitweste erinnernd, engt sie nicht ein und erlaubt volle Bewegungsfreiheit. Im Inneren der Weste sind jedoch diverse Luftkammern und Schläuche installiert sowieso eine Druckluftpatrone. Letztere besitzt einen "Zündmechanismus", bei dessen Auslösung die Luftkammern blitzschnell aufgeblasen werden und so einen Sturz sehr weich abfangen. Zu diesem Zweck wird eine Spiralschnur von der Weste am Sattel befestigt. Dabei muss natürlich auf die richtige Länge geachtet werden. Denn bei einem Sturz, wenn sich der Reiter zu weit vom Sattel entfernt, löst die dann gespannte Schnur den Aufblasvorgang aus, und noch bevor der Reiter auf dem Boden auftrifft, ist die Weste vollständig aufgeblasen und bietet somit umfassenden Schutz.
Der hierzulande mit Abstand bekannteste Anbieter solcher Airbag-Westen ist die Firma
Hit-Air.
Die Idee wurde im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt, die Auslösezeiten verkürzt und heute gibt es von Hit-Air eine ganze Reihe von Westen und Jacken mit diesem Sicherheitssystem.
Eine gesamte Übersicht aller erhältlichen Varianten finden Sie im
HIT-AIR Online-Shop.
Das Standard-Modell ist die "MC Plus" (inkl. einem zusätzlichen festen Rückenprotektor), als Leichtgewicht und zum Tragen über normalen Sicherheitswesten (**) bietet sich das Modell "Cross Country" an.
Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit, eine Airbag-Weste selbst zu testen. Die folgenden Vor- und Nachteile sind daher gesammelte Informationen von anderen Benutzern und
theoretische Überlegungen.
Vorteile von Airbag-Westen gegenüber normalen Sicherheitswesten:
- Hervorragender Rundumschutz, auch für Nacken und Lendenbereich, wo normale Schutzwesten keinen bzw. nur unzureichenden Schutz bieten können.
- Hoher Tragekomfort, da die Weste im Normalzustand weder einengt noch die Bewegung behindert. (Wobei dies wie an anderer Stelle betont, bei normalen, guten Sicherheitswesten auch nicht so das Problem sein sollte.)
Nachteile und mögliche Probleme bei Airbag-Westen gegenüber normalen Sicherheitswesten:
- Sicherheit hat ihren Preis: Die Hit-Air Westen liegen im Bereich von 350..400 Euro. Hinzu kommt, dass nach jedem Sturz eine neue Kartusche zum Preis von 15 Euro benötigt wird.
- Bei einem Sturz mit Pferd oder einem Sturz auf ein festes Hindernis besteht die Gefahr, dass man sich nicht frühzeitig weit genug vom Pferd entfernt und die Weste daher
nicht rechtzeitig genug aufblasen kann.
- Man darf nicht vergessen, nach dem Aufsteigen die "Reißleine" am Sattel einzuklinken, da sonst natürlich kein Schutz möglich ist. Und beim Absteigen sollte man nicht vergessen, sich
wieder vom Sattel abzuhängen, sonst löst die Weste beim Absteigen aus. (Kostet nicht nur eine neue Patrone, sondern kann das eigene oder eventuell auch andere Pferde in der Nähe
erschrecken.
- Bei Unfällen während dem Aufsteigen oder Absteigen schützt die Airbag-Weste nicht. (Und solche Unfälle sind keineswegs selten!) Lediglich der in manchen Modellen integrierte
feste Rückenprotektor bietet in so einem Fall einen beschränkten Schutz.
- Eine Airbag-Weste muss natürlich IMMER über sämtlicher anderer Kleidung getragen werden. Somit gibt es eventuell Probleme, dass ein und dieselbe Weste (Größe) sowohl im Winter über
der dicken Daunenjacke als auch im Sommer nur mit T-Shirt darunter benutzbar ist. - Trotz ziemlich weiter Verstellmöglichkeiten.
- Aufgrund der Kosten für eine neue Patrone nach einem Sturz weniger geeignet in Situationen, in denen man mit häufigen Stürzen rechnen muss. - Wenngleich in so einem Fall von hohem
Sturzrisiko natürlich der bestmögliche Schutz am wichtigsten wäre. Letztlich muss jeder für sich selbst die Entscheidung Kosten vs. Sicherheit treffen.
- Da die Auslöseschnur am Sattel befestigt werden muss, gibt es eventuell Probleme bei Verwendung fremder Sättel. (Reitschule, Reiturlaub, Reiten fremder Pferde) Dabei sollte man
auch berücksichtigen, dass je nach Sattel eventuell die Länge der Auslöseschnur jeweils neu eingestellt werden muss!
Sollte nun den Eindruck entstehen, diese Westen haben viel mehr Nachteile als Vorteile, so ist das nicht meine Absicht. Diese Westen haben einen ganz großen Vorteil, nämlich die zusätzliche
Sicherheit im Vergleich zu normalen Westen (Nacken, Lendenbereich). Diese Sicherheit muss halt wie so oft mit gewissen Nachteilen oder Eigenheiten erkauft werden. Die letzte Entscheidung
muss jeder wie immer selbst treffen.
Um zum Schluss auf die einleitende Frage "Alternative oder Ergänzung?" zurückzukommen: Es kommt darauf an...
Für Freizeitreiter, die auf mehr Sicherheit im Gelände Wert legen, ist eine Airbag-Weste mit Sicherheit eine gute Alternative zu normalen Sicherheitswesten. - Mit den oben beschriebenen
Vor- und Nachteilen.
Für maximale Sicherheit beim Springen und vor allem in der Vielseitigkeit empfiehlt es sich jedoch, eine Airbag-Weste als Ergänzung über einer normalen festen Sicherheitsweste zu tragen.
Dies ist im großen Vielseitigkeitssport vermehrt zu beobachten. Die Airbag-Weste bietet zusätzliche Sicherheit, kann aber die normale Schutzweste nicht ersetzen,
da es gerade in der Vielseitigkeit öfters zu den oben erwähnten Stürzen mit Pferd oder in ein festes Hindernis kommen kann. (In Geländeprüfungen ist eine Airbag-Weste alleine nicht zulässig!)
Literatur-Hinweise
Testbericht Rückenprotektoren und Sicherheitswesten:
Testbericht Rückenprotektoren:
Cavallo 01/2007 (Testbericht nicht online verfügbar)
Testbericht Airbar-Westen:
Cavallo 07/2007 (Testbericht nicht online verfügbar)
Anzeigen